Ein wichtiger Teil der Kämpfe im Ukraine-Krieg findet in der Luft statt. Zum Einsatz kommen dabei aber nicht nur Flugzeuge und Hubschrauber, sondern auch Fliegerabwehrraketen, ballistische Raketen und Marschflugkörper.

Oberst Thomas Golda leitet das Institut Fliegerabwehr an der Flieger- und Fliegerabwehrtruppenschule des Bundesheeres in Langenlebarn. Er erklärt, was es mit diesen Waffen auf sich hat.

Das sagt der Bundesheer Experte:

Was ist der Unterschied zwischen einer ballistischen Rakete und einem Marschflugkörper? Kann man sich darunter die “Präzisionswaffen” nach russischer Angabe vorstellen?

Ballistische Raketen werden von Land aus abgefeuert. Sie werden in einem Entfernungsbereich von unter hundert Kilometern bis mehrere tausend Kilometer eingesetzt. Beim Einsatz auf größere Entfernungen verlassen sie die Erdatmosphäre. Sie werden nur in der Startphase angetrieben und gehen danach in einen ballistischen Flug über. Im Endanflug erreichen sie mehrfache Schallgeschwindigkeit. Konventionelle ballistische Raketen wirken durch hohe Sprengkraft, Druck und Hitze. Es handelt sich dabei um Flächenwaffen, die in einem größeren Zielgebiet einschlagen, und keine Präzisionswaffen.

Eingesetzte ballistische Raketen sind zum Beispiel die OTR-21 “Tochka”. Da sie nahezu senkrecht auf ihr Ziel zufliegen sind sie von Radarsensoren schwer zu erfassen und von Waffensystemen schwer zu bekämpfen. Solche Waffensysteme zur Bekämpfung sind etwa das “Patriot”-System der USA oder das S-300-System aus russischer Fertigung.

Marschflugkörper können von Schiffen, U-Booten, Flugzeugen oder von Land aus abgefeuert werden. Die im Krieg bisher eingesetzten Marschflugkörper werden auf Entfernungen von bis zu knapp unter 1.000 Kilometer eingesetzt. Dazu zählen etwa die 3M “Kalibr”. Sie werden den gesamten Flug über von einem Raketenmotor angetrieben. Marschflugkörper fliegen im Regelfall im Unterschallbereich und sehr tief (dem Gelände angepasst). Dieser Tiefflug erschwert die Erfassung und Bekämpfung.

Im Gegensatz zu ballistischen Raketen zählen Marschflugkörper zu den Präzisionswaffen, die ihr Ziel punktgenau treffen sollen.

Wie funktionieren Fliegerabwehrraketen und welche Reichweite haben sie? Hat die Ukraine nicht genügend davon?

Die Ukraine verfügt über eine Vielzahl von Fliegerabwehrsystemen. Auf große Entfernungen (über 50 Kilometer) werden Systeme wie die SA-6 oder S-300 eingesetzt. Da es sich dabei um Waffen handelt, deren Steuerung ausschließlich von Radarsystemen größerer Reichweite abhängig ist, können wir davon ausgehen, dass diese im Einsatz entweder gestört werden oder bereits zerstört wurden.

Weiters kommen “autonome Fliegerabwehrsysteme” wie die SA-13 oder SA-15 zum Einsatz. Bei diesen handelt es sich um radargesteuerte oder infrarotgesteuerte Lenkwaffensysteme mit kurzer und mittlerer Reichweite (bis 50 Kilometer). Die 2K22 “Tunguska” ergänzt diese Kategorie mit einem Kanonensystem kurzer Reichweite.

Auf sehr kurze Reichweite (bis 5 Kilometer) kommen tragbare Fliegerabwehrlenkwaffensysteme zum Einsatz: zum Beispiel SA-7, SA-16, SA-17 und amerikanische “Stinger”. Hier handelt es sich um infrarotgelenkte Raketensysteme, die auf eine Wärmequelle am Himmel aufschalten. Da diese Systeme sehr schwer zu erkennen sind und grundsätzlich kein Radarsystem brauchen, stellen sie für tieffliegende Luftfahrzeuge (bis zu 3.000 Meter über Grund) eine große Bedrohung dar. 

Wäre die österreichische Luftraumüberwachung in der Lage, einfliegende ballistische Raketen oder Marschflugkörper zu erkennen oder abzuwehren?

Die Radarsysteme der österreichischen Luftraumüberwachung sind nicht in der Lage, ballistische Raketen oder Marschflugkörper zu erkennen. Das System mit 35-mm-Zwillingsfliegerabwehrkanonen der bodengebundenen Luftabwehrtruppe kann einen Marschflugkörper im Endanflug (bis 3.000 Meter vor dem Ziel) zwar bekämpfen, wenn das Feuerleitgerät (Radar) das Ziel erkennt. Ein Vernichten des Marschflugkörpers ist aber unwahrscheinlich. Eine ballistische Rakete kann nicht abgewehrt werden.


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