Brigadier Reinhard Kraft ist Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppenschule des Bundesheeres. Er erklärt welche Aufgaben Luftstreitkräfte haben und warum sie in Konflikten wie dem Krieg in der Ukraine eine wichtige Rolle spielen.

Das sagt der Bundesheer Experte:

Was kann man sich unter “Luftstreitkräften” vorstellen? Sind das nur die Flugzeuge und Hubschrauber, die herumfliegen?

Luftstreitkräfte bestehen aus vielen Teilen. Das ganze System funktioniert nur, wenn alle wie Zahnräder ineinandergreifen.

Um ein Kampfflugzeug oder einen Hubschrauber zu betreiben, braucht es zunächst einmal Piloten. Techniker sorgen dafür, dass die Luftfahrzeuge einsatzbereit bleiben. Fluglotsen koordinieren den Verkehr im Luftraum und Radarleitpersonal leitet beispielsweise einen Abfangjäger zu einem verdächtigen Flugzeug in der Luft.

Daneben werden die Daten von verschiedensten Radargeräten zu einem Luftlagebild zusammengefasst. Dafür benötigt man hochqualifizierte Software-Spezialisten und erfahrene Mitarbeiter im Radarbetriebsdienst. Weitere Techniker kümmern sich um alle Kommunikationsanlagen, Radaranlagen, Zentralen und Rechnersysteme.

Weitere Aufgaben: Soldaten der Luftaufklärung machen mit hochentwickelten technischen Systemen Aufnahmen aus der Luft und werten diese aus. Einrichtungen am Boden werden von der Fliegerabwehr vor Bedrohungen geschützt. Und sollte es bei einer Landung zu Problemen kommen, rückt die Luftfahrzeugrettung, also die militärische Flughafenfeuerwehr, aus.

Welche Aufgaben haben Luftstreitkräfte?

Die wichtigste Aufgabe in einem Konflikt ist zunächst, die Luftstreitkräfte des Gegners zu bekämpfen. Dabei wird versucht, die Luftüberlegenheit zu erringen und diese dann bis zur völligen Lufthoheit auszubauen. Bekämpft werden Kampfflugzeuge, Fliegerabwehrwaffen, Kommunikationseinrichtungen, Radargeräte, Munitionslager, Fliegerwerften, Flugplätze und Führungszentralen.

Ist die Überlegenheit in der Luft hergestellt, beginnen die Luftstreitkräfte damit, die Truppen am Boden zu unterstützen. Dies geschieht durch Angriffe aus der Luft (“Close Air Support”), durch Luftaufklärung, elektronische Kampfführung oder auch durch Lufttransporte, mit denen Truppen schnell an einen neuen Ort gebracht werden.

Weitere Aufgaben sind Luftschläge in der Tiefe des Einsatzgebietes, dafür benötigt man Kampfflugzeuge mit entsprechenden Tarneigenschaften (“stealth”) oder Waffensysteme mit hoher Reichweite. Ein wichtiges Aufgabengebiet ist außerdem die Abwehr von Raketen und von Marschflugkörpern.

Zu beachten ist, dass nicht alles, was fliegt, unbedingt den Luftstreitkräften gehört: Viele Landstreitkräfte verfügen über ihre eigenen Transport- und Kampfhubschrauber und oft bringen sie Aufklärungsdrohnen, Granatwerfer oder Artillerie-Waffen zum Einsatz, deren Geschosse mit ihrer Flugbahn weit in die Luft hineinreichen. All dieser Verkehr in der Luft muss von Experten der Luftstreitkräfte koordiniert werden.

Der Aufruf der Ukraine, den Luftraum zu sperren und weitere Luftabwehr-Raketen oder Kampfflugzeuge zu liefern, zeigt, wie wichtig Luftstreitkräfte sind. Sie können zwar alleine keine Kriege gewinnen, mit ihren vielen Fähigkeiten sind sie in der modernen Kriegsführung aber unverzichtbar.

Haben die Russen in der Ukraine bereits die Luftüberlegenheit oder Lufthoheit erlangt?

Luftüberlegenheit bedeutet, dass man für eine bestimmte Zeit und/oder in einem bestimmten Gebiet militärische Operationen ohne wesentliche Einschränkungen durchführen kann. Erst wenn man tatsächlich die Lufthoheit errungen hat, kann man jederzeit und überall ungehindert operieren.

Russland konnte sein vermutliches Ziel, diese Lufthoheit über der Ukraine zu erlangen, bis dato nicht erreichen. Die Luftüberlegenheit haben sie aber in großen Teilen des Landes hergestellt. Das bedeutet, dass Russland zwar Luftoperationen durchführen kann. Das Risiko bei Einsätzen ist aber entsprechend höher und Luftschläge können nicht ungehindert durchgeführt werden.

Die Ukraine ist nach wie vor in der Lage, mit Kampfflugzeugen und Fliegerabwehr ernsthafte Gegenwehr zu leisten, dies belegen auch die Abschüsse von russischen Kampfflugzeugen und Hubschraubern. Russland setzt deswegen Abstandswaffen mit großer Reichweite ein, wie etwa die Hyperschallwaffe “Kinschal”, um die Gefahr für eigene Flugzeuge zu vermindern.

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