Die besten Anschläge sind jene, die nie passieren. Doch wie kann man sie im Ansatz verhindern? Kriminalpsychologe Jens Hoffmann und Gewaltforscher Nils Böckler stellen in ihrem Buch „Vom Hass erfüllt“ das „Bedrohungsmanagement als Präventionsansatz in Unternehmen, Behörden und regionalen Strukturen“. Wir wollen das hier gerne zur Diskussion stellen:

Eine Radikalisierung muss nicht immer automatisch mit spontaner Gewalt verknüpft sein. Es kann auch zunächst ein auffälliges Verhalten festgestellt werden, wenn etwa eine Person beginnt, konkrete Pläne zu schmieden oder sich Waffen zu beschaffen und Vorbereitungshandlungen umzusetzen versucht. Eventuell werden gegenüber Dritten oder im Internet Andeutungen zum Plan einer entsprechenden Tat gemacht. Mitunter werden gegenüber anderen Personen auch direkte Drohungen ausgesprochen.

Solche Personen identifizieren sich häufig mit anderen radikalen Tätern – entweder mit einem Individuum oder mit einer radikalen Bewegung. Das ist der sogenannte Identifizierungsfaktor, den wir in diesem Buch bereits mehrfach thematisiert haben. Er kann ein Hinweis darauf sein, dass ein Mensch von einem Gefühl der Zugehörigkeit ausgehend damit beginnt, selbst erste Schritte in Richtung der Umsetzung einer Gewalttat zu machen. Das sogenannte Bedrohungsmanagement versucht, derartige Auffälligkeiten zu beobachten und zu entscheiden, ab wann eine radikalisierte Person stärker ins Visier genommen werden sollten.

Der britische Kriminalforscher Paul Gill hat herausgefunden, dass ganze 83 Prozent der Lone Actors in Bezug auf ihr soziales Verhalten in entsprechender Form auffällig geworden sind. In 79 Prozent der Fälle bemerkt das Umfeld einer solchen Person, dass diese dem Extremen zugetan war, in zwei Drittel der Fälle wussten Freunde und Familie zudem, dass der spätere Täter plante, eine terroristisch motivierte Tat zu begehen. In mehr als der Hälfte der Fälle wiederum war es den Angehörigen bewusst, dass die Person ein Verhalten an den Tag legt, das auf Recherche oder Planung eines solchen Anschlags hindeutet. In 59 Prozent der Fälle teilte der Täter sich auch in Form von Statements oder dergleichen über seine späteren Absichten mit. Diese Warnverhaltensweisen liefern den Ansatz für eine Prävention. Zudem werden diese Warnverhaltensweisen auch als Risikomarker im Internet genutzt. Man versucht, auffällige Kommunikation und auffälliges Verhalten zu identifizieren. So gab es beispielsweise das politisch motivierte Vorhaben eines Täters in den USA, der in einem Holocaust-Museum ein Massaker anrichten wollte. Dieser Täter hat sehr offen auf einer antisemitischen Webseite seine Absichten dargelegt.

Das Bedrohungsmanagement setzt zunächst einmal an, indem es Personen oder Gruppen sensibilisiert, die von derartigen Vorgängen etwas mitbekommen könnten. Für die Sensibilisierung etwa in Behörden, Unternehmen und Gefängnissen haben wir im Rahmen unserer Forschungsarbeit am Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement ein wissenschaftlich fundiertes Screeninginstrument zur Früherkennung von Radikalisierungsprozessen entwickelt. Es wird etwa in Gefängnissen eingesetzt, um alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, vom Seelsorger bis zum Justizvollzugsangestellten, zu befähigen, Radikalisierungsprozesse im Sinne spezifischer Verhaltensmuster zu beobachten. Die 13 Faktoren des Screenings sind eindeutig und spezifisch formuliert, sodass jeder Anwender sie auf die gleiche Art und Weise versteht. Eine breite Sensibilisierung ist daneben durch eine flankierende Onlineschulung gewährleistet. Abgedeckt werden verschiedene Verhaltensbereiche, die sich in der Forschung als relevant für die Entwicklung von Radikalisierungsprozessen erwiesen haben, so etwa die Bereiche »persönliche Krise«, »Bindung der Person an die islamistische Ideologie«, »gewaltbezogene Kommunikation«, »Befähigung zum Ausüben von Gewalt« und »Veränderungen im sozialen Umfeld«.

Auf einer weiteren Ebene geht es darum, eine Ansprechbarkeit zu schaffen, wenn etwa Kollegen oder Familienangehörige solche Vorgänge oder Vorfälle bemerken. Es werden dann etwa Ansprechstellen genannt, die möglichst niedrigschwellig und krisenorientiert agieren – um gerade engen Angehörigen die Angst zu nehmen, dass ihre Meldung den Bekannten oder Verwandten direkt hinter Gitter bringt. Das ist wichtig, weil gerade bei den Lone Actors häufig die Radikalisierung mit einer Lebenskrise verbunden ist. Es geht also beim Bedrohungsmanagement sowohl um das Erkennen und Einschätzen solcher Vorgänge als auch um deren Entschärfung. Man will möglichst früh erkennen, dass etwas im Gange ist, um dann möglichst früh intervenieren zu können. Das Bedrohungsmanagement weiß, dass eine solche Aufgabe nicht allein von einer einzigen Berufsgruppe übernommen werden kann. Wird ein solches Fallmanagement übernommen, ist etwa auch die Polizei als ein wichtiger Akteur involviert, es bedarf aber zusätzlich stabilisierender Programme.

Regelmäßig, und das wird oft übersehen, gehört zum Bedrohungsmanagement zudem eine psychiatrische und psychologische Intervention. Denn es gilt, den hohen Anteil von psychischen Krankheiten und psychischen Auffälligkeiten gerade bei den Lone-Actor-Tätern zu bedenken.

Nehmen wir als ein Beispiel ein Unternehmen: Große Firmen sind auch ein Spiegel der Gesellschaft, und dort gibt es immer wieder einzelne Mitarbeiter, die sich in eine extreme Richtung bewegen. Daher ist es ein Ansatz, in einem solchen Unternehmen intern Ansprechpartner einzusetzen und zu sensibilisieren, die solche Entwicklungen beobachten und in Zusammenarbeit mit den Behörden die Vorgänge bewerten und begleiten. Gleichzeitig muss alles auf eine belastbare, wissenschaftlich untermauerte Grundlage gestellt werden, nicht zuletzt um eine Stigmatisierung zu vermeiden, damit etwa niemand nur aus Gründen der Religionszugehörigkeit vorschnell mit einem Radikalen gleichgesetzt wird. Es gilt vielmehr, einen aufmerksamen und gelassenen Umgang mit dem Thema und dem eventuellen Problem zu finden. Bestimmte Behörden und soziale Einrichtungen, auch die Bewährungshilfe, die häufiger Kontakt mit Radikalisierungsprozessen haben, kommen als Ratgeber infrage.

Es finden sich ganz konkrete Fälle aus dem deutschsprachigen Raum, in denen Mitarbeiter großer Unternehmen zunächst auffällig wurden und später in Syrien wieder auftauchten, wo sie Menschen umgebracht hatten. Dass es solche Fälle gibt, zeigt die Notwendigkeit auf, dass das angesprochene Konzept des Beobachtens und des Bedrohungsmanagements systematisch und aktiv umgesetzt werden muss. Das Bedrohungsmanagement als ein Präventionsansatz im Radikalisierungsbereich gewinnt an Bedeutung. Allerdings muss der Ansatz auf wissenschaftlichen Faktoren basieren. Es darf nicht geschehen, dass aufgrund nicht fundierter Checklisten Menschen als radikal eingeschätzt werden, obwohl sie es gar nicht sind. Solche Beispiele zeigen deutlich, wie wichtig eine belastbare und fundierte Herangehensweise ist, die professionell, mindestens auf der Basis einer Fortbildung, geschieht. Denn sonst kann es zu einer Ausgrenzung Einzelner kommen, was schließlich einer möglichen Radikalisierung vielmehr Vorschub leistet, anstatt sie zu unterbinden.

In diesen Zusammenhang gehört ein Fall, der sich hinter dem bereits beschriebenen ersten Hinrichtungsvideo des IS verbirgt, in dem zwei deutsche Personen sich in deutscher Sprache an das Publikum gewendet haben. Eine dieser Personen war ein Auszubildender eines großen deut- schen Unternehmens, bei dem anderen handelte es sich um einen bekannten Propagandisten aus der dschihadistischen Szene. Letzterer, ein Österreicher, war bereits wegen Anschlagsplanung verurteilt. Mohammed M. hatte einen Anschlag auf die Fußballeuropameisterschaft in Deutschland geplant und sich nach seiner Haftentlassung in Richtung Ägypten abgesetzt, von wo er weiter nach Syrien reiste. Dort wusste er sich offenbar gut darzustellen, sodass er vom IS als Propagandist für den deutschen Markt eingesetzt wurde, auch um ebensolche Videos zu produzieren.

In besagtem Video sprach M. in die Kamera, während der Auszubildende mit Vollbart und Kalaschnikow in der Hand neben ihm stand. Vor beiden saßen Gefangene auf dem Boden. Der Text der Videoansprache lautete sinngemäß: Brüder und Schwestern, unterstützt uns in unserem Dschihad. Angesprochen waren damit vor allem die Zuhörer und Zuschauer in Deutschland. Nach dem Ende der Ansprache traten beide Männer einige Schritte zurück, richteten ihre Kalaschnikows auf die Gefangenen und gingen wieder auf diese zu. Dann erschossen sie sie.

Diese Tat wurde in Syrien verübt, sie hätte aber genauso gut in Deutschland geschehen können. Sie zeigt, wie wichtig es auch in Unternehmen ist, derartige Entwicklungen eines Menschen zu registrieren und den Verlauf zu verfolgen. Wenn nämlich ein bereits radikalisierter Mensch wie in diesem Fall tatsächlich nach Syrien gelangt, ist er dort anderen und stärkeren Kräften ausgeliefert. Denn innerhalb des IS wird auch durch die vorhandenen Geheimdienststrukturen Paranoia aufgebaut, weil Einzelne im Zweifelsfall sehr schnell zum Feind erklärt werden. Dies bewirkt, dass manche allein durch den Druck der Gruppe zu Mördern werden. Wir sollten also agieren, solange ein Mensch noch in unserem Einflussbereich ist – dabei ist es wichtig, bereits für eine beginnende Krise eine hohe Sensibilität sowie adäquate Unterstützernetzwerke aufzubauen.

Der Text stammt aus dem Buch „Vom Hass erfüllt“. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages. 

Von Hass erfüllt: Warum Menschen zu Terroristen und Amokläufern werden“ von Jens Hoffmann und Nils Böckler, München 2018, mag Verlag, 224 Seiten, Euro 16,99 (Taschenbuch), Kindle 12,99